Schwarmintelligenz, was ist das eigentlich?

Schwarmintelligenz

Ich höre den Begriff Schwarmintelligenz im Management derzeit sehr häufig. Es gibt kaum eine Weiterbildungsveranstaltung in der dieses Thema keine Rolle spielt. Fraglich ist, ob das Konzept richtig verstanden wird, denn nicht hinter allem, was mit dem Begriff belegt wird, steckt wirklich die Intelligenz der Massen.

Begriffsklärung (Kurzfassung):

Schwarmintelligenz, auch als kollektive Intelligenz oder Gruppenintelligenz bezeichnet, ist ein Phänomen und meint den gezielten Einsatz von Fähigkeiten von Individuen und der Macht der Masse zur Lösung von Problemen und Bewältigung von Anforderungen.

Schwarmintelligenz sollte nicht mit Herdenverhalten verwechselt werden. Herdenverhalten ist eine Organisationsform, die einem Zusammenschluss von Lebewesen hilft, besser durchs Leben zu kommen. Bei einem Fischschwarm etwa schwimmen die stärksten Tiere mit der größten Risikobereitschaft immer außen, die Muttertiere mit den Jungen im Kern. Droht Gefahr, reagiert der gesamte Schwarm auf die Informationen der außen schwimmenden Tiere. Das sichert das Überleben. Dazu kommt eine große Flexibilität, mit der so ein Schwarm auf Veränderungen reagiert.

Auf das Internet übertragen bedeutet Schwarmintelligenz etwa, dass aktiv engagierten Menschen ein Feedback auf ihre eigenen Interessen ermöglicht wird. Aus den auf diese Weise gesammelten Informationen können für alle nützliche Schlussfolgerungen gezogen werden. Ein Beispiel sind Staumeldungen, die inzwischen über die Handyortungen erfolgen. Die Daten werden ausgewertet, woraus man Schlüsse zieht und am Ende hilft es Autofahrern, Staus zu vermeiden oder sich zumindest darauf einzustellen. Der Nachrichtendienst Twitter gilt übrigens als Musterbeispiel für erfolgreiche Schwarmintelligenz, denn spannende Nachrichten finden rasend schnell Verbreitung, langweilige hingegen verschwindet bereits nach wenigen Tweets.

Unternehmen nutzen die Schwarmintelligenz auch im Rahmen von Crowdsourcing. Eine Zusammengesetzt aus den Begriffen Crowd und Outsourcing. Einzelne Aufgaben, die bisher intern bearbeitet wurden, werden an eine Vielzahl von Nutzern oder Interessenten ausgelagert und häufig in Form eines Wettbewerbes ausgeführt. Die Aufgabe kann sich dabei sowohl auf eine Innovation beziehen oder bereits bestehende operative Aktivitäten oder Produkte. Bekanntester Vertreter für die Anwendung des Crowdsourcing dürfte das Online-Lexikon Wikipedia sein.

Warum aber benötigen wir überhaupt Schwarmintelligenz? Und warum gerade im Management?

Nun, die Antwort vermuten wir in den unternehmerischen Gegebenheiten des 21. Jahrhunderts. Wer im harten globalen Wettbewerb künftig bestehen will, muss sich anstrengen, der Konkurrenz stets einen Schritt voraus zu sein. Allein mit internen Ressourcen ist das nicht mehr zu bewerkstelligen. Es werden sich nur die Unternehmen behaupten können, denen es gelingt, sich die kollektive Intelligenz ihres Umfelds zu eigen zu machen.

Der Autohersteller BMW etwa bedient sich dieser Weisheit der vielen in Form seines Co-Création Lab, zu dem sämtliche Automobilinteressierte eingeladen sind, Wissen und Ideen beizusteuern. Unter anderem bat BMW um Einschätzungen und Vorschläge, wie sich die Mobilität der Zukunft darstellt und verbessern lässt. Mehr als 300 Ideen wurden diskutiert: neue Ansätze für Elektroautos, futuristische Parkmöglichkeiten oder künftige Fahrzeugkommunikation waren darunter.

Mitarbeiter einbinden

Die Unternehmen sollten mit dem Naheliegenden anfangen, wenn sie von der kollektiven Intelligenz profitieren wollen: ihren Mitarbeitern. Wie wäre es, wenn wir die Intelligenz unseres Mitarbeiterschwarms für die Weiterentwicklung und Verbesserung der Produkte, Dienstleistungen, vor allem aber interner Prozesse und Abläufe nutzen würden?Firmenportale und andere Plattformen sind gute Foren, den gedanklichen Austausch in großen Organisationen zu ermöglichen. Das sind Ansätze, aber Schwarmintelligenz darf weder auf postmoderne Kommunikationsformen noch auf kollaboratives Arbeiten in der Cloud reduziert werden. Wollen wir ernsthaft und seriös diesen Begriff diskutieren und anwenden, dann müssen wir uns davon lösen, ihn primär als technische Möglichkeit des gemeinsamen Arbeitens zu interpretieren oder gar als populärwissenschaftlichen Modebegriff für eine stochastische (zufällige) Gesetzmäßigkeit zu missbrauchen. Stattdessen sollten wir uns darauf besinnen, tatsächlich mehr den Schwarm und damit die Mitarbeiter und deren Führung in den Brennpunkt zu rücken und diesen zur Lösung kognitiver, komplexer Probleme und Herausforderungen zu nutzen.

Das ergebnisorientierte Zusammenspiel einer Gruppe

Schwarmintelligenz ist keine Intelligenz im gewöhnlichen Sinn, sondern beschreibt das ergebnisorientierte Zusammenspiel einer Gruppe. Das kann neue und ungesehene Qualitäten entwickeln. Aber es muss nicht – und es braucht eine geeignete Koordination von Einzelleistung und Gruppenverhalten. Das ist das große Missverständnis hinter der unerträglichen Leichtfertigkeit des Schwarms und der streumunitionierten Verwendung des Begriffs. Ein folgenreicher Kategorienfehler, man sucht eine personenähnliche Intelligenz im übermenschengroßen, geniehaften Sinn und übersieht, dass Gruppen seit vielen tausend Jahren Instrumente und Strukturen benutzen, um sich einen Vorteil zu verschaffen.

Klaus Frohnert

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