Schluss mit Perfektionismus

Haben Sie schon einmal von anderen den Vorwurf gehört „Du mit deinem Perfektionismus!“ oder „Du bist ein Pedant.“? Wollen (müssen) Sie immer alles 100-prozentig, besser noch 120-prozentig machen? Wollen Sie stets das Optimale erreichen? Finden Sie dabei kein Ende und setzen sich immer wieder neu unter Druck? Denken Sie: „Alles, was ich tue, ist nicht gut genug, nicht schnell genug, überhaupt nicht genug und schon gar nicht gut?“

PerfektSchauen wir uns an, was Perfektionismus ist, welche Folgen er für uns hat und wie man lernen kann, weniger verbissen und perfektionistisch zu sein, ohne gleich Mittelmaß oder ein Versager zu sein.

Ist es schlecht, perfektionistisch veranlagt zu sein

Nein. Es gibt viele Berufe, in denen man nur vorankommen und es zu etwas bringen kann, wenn man ein absoluter Qualitätsfanatiker ist und in dem, was man tut, nach Perfektion strebt. Gewissenhaft, pflichtbewusst, korrekt und einsatzwillig sein, das sind wichtige Eigenschaften um Erfolg zu haben.

Das Streben nach Perfektion ist per se nicht schlecht. Wer in bestimmten Berufen Erfolg haben will, der muss sich Perfektion auf die Fahnen schreiben und Ehrgeiz haben. Der darf sich nicht mit Mittelmaß zufrieden geben.Perfektionismus und Ehrgeiz sind nur dann gefährlich, wenn wir unsere Selbstachtung und unser Selbstwertgefühl vom Erfolg abhängig machen.

Welche Folgen hat Perfektionismus für unser Leben?

Perfektionismus oder das Streben nach Perfektion beeinflusst unsere gesamte Person.

Perfektionismus äußert sich in unserem Denken.

In Einstellungen wie:

  • Ich muss immer alles richtig machen. Wenn ich etwas nicht schaffe, dann bin ich nicht gut genug.
  • Ich muss immer perfekt sein. Ich muss immer alles 100-prozentig machen. Nur dann ist es aus meiner Sicht gut.
  • Wenn etwas nicht perfekt ist, halten mich für einen Versager.
  • Andere dürfen keine Fehler machen, sonst sind sie Versager.
  • Es ist eine unverzeihlich und schlimm, wenn mir etwas misslingt.
  • Nur wenn ich perfekt bin, verdiene ich Anerkennung und Liebe.
  • Entweder mache ich etwas perfekt oder gar nicht.

Als Perfektionisten ist unsere Aufmerksamkeit darauf gerichtet, Fehler und Schwächen bei uns und anderen besonders gut zu erkennen. Fehler nehmen Perfektionisten zum Anlass, sich zu verurteilen. Selbst wenn sie etwas 100-prozentig machen, können sich Perfektionisten nur selten freuen. Sie hätten es ja vielleicht noch besser machen können! Wir setzen uns unter Druck und dulden keine mildernden Umstände. Wir sind sehr rigide und können nicht ab und zu geben.

Perfektionismus hat Auswirkungen auf unseren Körper.

Unser Streben nach Perfektion führt zu körperlicher Anspannung und innerer Unruhe. Im Grunde bringen wir uns in einen Stresszustand.

Perfektionismus hat Auswirkungen auf unsere Gefühle.

  • Wir haben ständig Angst vor Fehlern, Angst zu versagen, Angst vor Ablehnung und Angst vor Erfolg.
  • Wir sind frustriert oder deprimiert, wenn wir nicht das Optimum erreichen.
  • Wir sind nicht mit dem zufrieden, was wir erreicht haben.
  • Wir ärgern uns maßlos über unsere Fehler und Unvollkommenheiten.

Perfektionismus hat Auswirkungen auf unser Verhalten.

Perfektionisten tun sich z.B. schwer, eine Arbeit zu beenden, weil sie aus ihrer Sicht noch nicht perfekt ist. Sie trauen sich nicht an neue Aufgaben, weil sie Angst haben, sich dumm anzustellen oder etwas falsch zu machen. Machen sie bei einer Aufgabe einen Fehler, brechen sie diese ab, anstatt sie weiterzuführen. Sie verheimlichen vor anderen, dass sie ein bestimmtes Ziel anstreben. Wenn sie es nicht erreichen, dann weiß es wenigstens keiner. Sie vermeiden es, sich Ziele zu setzen, weil sie sich dadurch Enttäuschungen ersparen wollen.

In vielen Coachings, Beratungen und Trainings erlebe ich Menschen, die irgendwas nicht tun, aus der Angst heraus nicht perfekt zu sein oder es nicht perfekt zu machen. Zugegeben, ich habe auch einen „Perfektionsanspruch“ in dem, was ich tue. „Tue es richtig oder gar nicht!“ Und ich kenne viele Menschen, denen es ähnlich geht.

Wo liegen die Ursachen des Strebens nach Perfektion?

Irgendwann in unserem Leben – gewöhnlich in der frühen Kindheit – haben wir die Erfahrung gemacht, dass wir nur dann Zuwendung und Anerkennung bekommen, wenn wir perfekt sind, gewisse Erwartungen der anderen erfüllen. Wir fühlen uns irgendwie nicht in Ordnung und liebenswert und sind deshalb sehr stark auf die Anerkennung unserer Mitmenschen angewiesen. In der Perfektion sehen wir die Lösung, Anerkennung zu bekommen bzw. Ablehnung zu vermeiden.

Wege aus der Perfektionismus Falle

Beginnen möchte ich mit einer Empfehlung. Fordern Sie nicht von sich, dass Sie das Streben nach Perfektion 100-prozentig überwinden müssen – das kennen Sie und schon sind Sie wieder erneut in die Perfektionismusfalle getappt.

Reagieren Sie nicht mit Gleichgültigkeit und Nachlässigkeit als Alternative zu ihrer perfektionistischen Veranlagung. Denn darum geht es auf keinen Fall. Es geht um Flexibilität und Ihre bewusste Entscheidung, wie viel Einsatz Sie bringen möchten und wann Sie sagen, es ist gut genug.

Behalten Sie Ihre hohen Ansprüche, geben Sie Ihr Bestes. Mittelmaß gibt es schon genug. Herausragende Leistungen werden nur von Menschen mit hohen Ansprüchen und mit Ehrgeiz erbracht.

Beim Streben nach Perfektion geht es darum, trotz hoher Ansprüche die Fähigkeit zu haben, mit Fehlern, Niederlagen und Unvollkommenheiten leben zu können. D.h. sich nicht als Versager anzusehen, wenn man etwas nicht 100-prozentig gemacht oder erreicht hat.

Ziehen Sie schriftlich Bilanz.

Bei welchen Tätigkeiten schlägt sich Ihr Streben nach Perfektion nieder – im Beruf und im Privatleben? Was tun Sie besonders intensiv? Was meiden Sie?

Welchen Vorteile und Nachteile haben Sie durch Ihren Perfektionismus?

Nehmen Sie ein Blatt Papier und machen Sie 2 Spalten. Notieren Sie in der linken Spalte die Vorteile, die Sie durch Ihr perfektionistisches Streben haben. In der rechten Spalte notieren Sie die negativen Auswirkungen des Perfektionismus. Überwiegen die Vorteile oder Nachteile? Machen die Nachteile (Anspannung, Kopfschmerzen, Stress, …) die Vorteile zunichte?

Suchen Sie nach den Gründen für Ihr Perfektionsstreben.

Was würde passieren, wenn Sie eine Aufgabe nicht perfekt erledigen würden? Wovor haben Sie Angst? Angst vor dem Verlust von Anerkennung und Bestätigung durch andere. Angst, den Erwartungen der anderen nicht gerecht zu werden.

Überlegen Sie: „Welches Denken ist hilfreich, um lockerer mit Anforderungen umgehen zu können?“

Wenn Sie sich schwer tun, neue Sichtweise zu finden, reden Sie mit Freunden und guten Bekannten. Wie gehen diese mit Anforderungen und Aufgaben im Leben um, ohne deshalb Mittelmaß zu sein?

Finden Sie Tätigkeiten und Aufgaben, bei denen es nicht darauf ankommt, diese perfekt zu machen.

Analysieren Sie: Bei welchen beruflichen und privaten Tätigkeiten hätte es kaum negative Auswirkungen, wenn Sie diese weniger sorgfältig, fehlerhaft, nicht sofort oder gar nicht erledigen würden? Notieren Sie sich einige.

Gehen Sie im Alltag anders mit diesen Aufgaben um.

Wenn Sie weniger gewissenhaft bei Tätigkeiten sind, dann wird sich Ihr schlechtes Gewissen rühren. Sie haben das Gefühl, es sei nicht richtig, entspannter und lockerer mit diesen Aufgaben umzugehen. Glauben Sie mir: mit zunehmender Übung wird dieses ungute Gefühl verschwinden. Denken Sie auch daran: nicht jeder hat Ihr hohes Anspruchsniveau und Ihr Wissen. Andere werden auch zufrieden sein, wenn Ihre Leistung in Ihren Augen nicht perfekt ist. Und selbst wenn andere Kritik üben, könnten Sie damit nicht leben?

Lernen Sie, sich selbst anzunehmen – stärken Sie Ihr Selbstwertgefühl.

Dies ist Ihre wichtigste Aufgabe und vermutlich die größte Herausforderung, die Sie jedoch nicht zu 100 Prozent meistern können. Loben Sie sich bewusst, auch für Sachen, die nicht so perfekt sind.

Machen Sie sich klar: Fehler machen heißt nicht, als Mensch fehlerhaft zu sein. Wenn Sie sich als Person akzeptieren – unabhängig davon, wie gut Sie etwas machen, dann entziehen Sie Ihrem Streben nach Perfektion den Nährboden.

Dann sind Sie in der Lage, entspannter mit Fehlern, Unvollkommenheiten und Kritik von anderen umzugehen. Sie können es sowieso nie allen recht machen! Es ist in Ordnung, etwas perfekt machen zu wollen. Schädlich ist nur, sein Selbstwertgefühl und seine Selbstachtung nur von seiner Leistung abhängig zu machen.

Dieser Artikel über Perfektionismus ist nicht perfekt und er wird es wohl nie sein. Ich arbeite immer mal wieder daran, ihn zu verbessern. Das ist alles, was ich tun kann. Denken Sie auch daran: Das Unfertige und Unvollkommene ist kein Mangel! Es beinhaltet Chancen und Möglichkeiten!

Egal was Dir gesagt wurde, als erwachsener Mensch darfst Du Deine eigenen Entscheidungen treffen!

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