Misslungenes Coaching

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Über Erfolgsfaktoren und erfolgreiches Coaching wird viel geschrieben.

Doch was gibt es zum Misserfolg beim Coaching zu sagen? Über misslungenes Coaching ist bisher kaum etwas veröffentlicht worden. Das verwundert auch nicht wirklich, denn nach Sennett (1998) ist „Scheitern … das große moderne Tabu“.

Misserfolge im Coaching kommen daher wahrscheinlich eher in der Supervision des Coachs zur Sprache.

Was ist überhaupt ein misslungenes Coaching und woran erkennen wir es?

Nehmen wir doch einmal eine Metapher aus dem Fußball.

Zum ersten Mal in einem Punktspiel, steht ein 28-jähriger als Coach eines Bundesliga-Aufsteigers an der Seitenlinie. Er wirkt sehr nervös und aufgeregt. Seine Mannschaft hat er auf dieses Spiel top eingestellt. In den ersten 20 Minuten sind die Hausherren das überlegene Team, doch die Stürmer nutzen zwei gute Chancen nicht. Der Chefcoach klatscht dennoch Beifall und treibt seine Schützlinge positiv an. In der Mitte der ersten Hälfte erleidet sein Team einen heftigen Rückschlag. Innerhalb von drei Minuten gehen die Gäste mit 2:0 in Führung.

Der Coach trägt den hohen Halbzeitrückstand mit Fassung, verändert die Mannschaftsaufstellung, schwört seine Truppe in der Pause noch einmal neu ein. Aber nichts greift. Seine Mannschaft verliert 4:0. Nach dem Abpfiff versammelt der Coach „seine Mannen“ um sich. Er denkt: „Was soll ich die Jungs zerreißen, das bringt keinem etwas“.

Er sagt zu Ihnen „Lasst die Köpfe nicht hängen und besinnt euch bis Mittwoch auf das, was ihr könnt. Morgen werden wir gemeinsam das Spiel analysieren. Wichtig ist, dass wir jetzt schnell daraus lernen“.

Was ist hier falsch gelaufen? Was hat zum Misserfolg beigetragen? Was ist Anteil des Coachs? Was ist Anteil der Spieler? Oder gibt es noch andere Einflussfaktoren wie Wetter, Platzverhältnisse, Schiedsrichter, war der Gegner besser…)

In einer empirische Studie zu Erfolgsfaktoren bei Einzel-Coaching der TECHNISCHE UNIVERSITÄT BERLIN verweisen folgende Faktoren auf den Misserfolg eines Coachings.

Einflussfaktoren für das Misslingen des Coachings

Beziehung der Interaktionspartner

Bei der Beziehung der Interaktionspartner Coach und Coachingnehmer ist es schädlich, wenn weder Vertrauen noch Offenheit oder Transparenz vorhanden sind. Am häufigsten wird jedoch die fehlende Wellenlänge (keinen „Zugang zueinander finden“) als Misserfolgsfaktor angeführt. Auch wird auf gegenseitige Vertrauensbrüche verwiesen.

Nicht-Erreichung der Ziele:

Coachingnehmer sehen Misserfolg eher gegeben, wenn die Zielerreichung unter 50% ist. Das Coaching entspricht einem nicht lösungsorientierten Coaching, wenn keine Veränderung des Verhaltens bzw. Besserung desselben stattfindet oder sogar Verschlechterung eintritt („wenn ich kraft- und mutlos aus dem Coaching gehe“) oder ohne Erkenntnisgewinn herausgehe („das Aha-Erlebnis bleibt aus“).

Misslungener Transfer in das berufliche System:

Coachingnehmer sehen Misserfolg eher gegeben, wenn nach drei Coachings (Sitzungen) kein Erfolg zu bemerken ist“.

Das Verhalten des Coach:

Hier wird in erster Linie auf den selbstherrlichen Coach verwiesen. Dieser wird umschrieben als „Besserwisser“ und „Schlaumeier“, der Lösungen vorgibt, Monologe hält und Grenzen des Coachingnehmers nicht akzeptiert sowie nicht zuhört und kein Interesse zeigt.

Auch Coaches, die unflexibel agieren oder ein sog. „Kochrezept-Coaching“ anbietet, die nicht „auf den Punkt kommen“, oder im „Fanatischer Eifer“ Missionieren, werden hier genannt.

Der Coach hat keine Kompetenz für das Anliegen des Coachingnehmers:

Ein Coaching misslingt nach Erfahrungen von Coachingnehmern eher, wenn der Coach keine Kompetenz für ihr Anliegen hat. Aus dem Misserfolgsfaktor „Inkompetenz bezüglich Anliegen“ ergibt sich die Konsequenz, dass der Coach nicht seinen Nutzen in den Vordergrund stellt, sondern den des Coachingnehmers. Das bedeutet, ein Coach sollte einen Auftrag ablehnen, wenn er sich mit dem Anliegen nicht auskennt.

Keine Coachingziele oder nicht an den Zielen gearbeitet:

Häufig wird bemängelt, wenn die Arbeit an konkreten Zielen fehlt. (Die Arbeit an Zielen setzt voraus, dass Ziele formuliert wurden)

Einsatz nicht angemessener Methoden:

Ein weiterer Misserfolgsfaktor aus Sicht der Coachingnehmer ist, dass Methoden eingesetzt werden, die nicht angemessen sind. Hier werden manipulative Methoden aufgeführt sowie solche, die die Autonomie des Coachingnehmers beschränken.

Auch Destabilisierung des Coachingnehmers zum Abschluss des Coachings (führt zur Verwirrung beim Coachingnehmer) wird genannt.

Nicht-Integration von aktuellen Entwicklungen

Ein Misserfolgsfaktor ist die Nicht-Integration von aktuellen Entwicklungen auf Seiten des Coachingnehmers. Wird hier als „Unflexibler Coach“ bewertet.

Vermittlung von Methoden

Wenn Methoden vermittelt werden, ist das aus Sicht von Coachingnehmers auch ein misslungenes Coaching. Dies ist für mich insofern zutreffend, als vordergründig Coaching kein Instrument zur Methodenvermittlung ist (das ist eher im Trainingssetting der Fall).

Verletzung der Spielregeln

Der Misserfolgsfaktor „Verletzungen von Spielregeln“ zeigt die Bedeutung des psychologischen Vertrags. „Vertrauensmissbrauch“ kann umgangen werden, wenn die Interessenvertretung geklärt wird und eine Klärung darüber stattfindet, an wen Bericht erstattet werden darf.

Rahmenbedingungen:

Ein Coaching misslingt eher, wenn kein schriftliches Fixieren funktionaler Rahmenbedingungen wie „hardfactors“ (Honorar, Dauer und Orte der Termine, Geheimhaltungspflicht, etc.), aber auch der „weichen Faktoren“ wie Freiwilligkeit, etc. geschieht. Das berufliche System kann schädigend einwirken, indem es ein Coaching erzwingt. Misslungen wäre es, wenn im Umkreis des Gecoachten der Eindruck entsteht, das Coaching sei eine ‚Psychoanalyse‘“. Dies könnte zu einer „Stigmatisierung der Coachingnehmer als Versager“ führen.

Den größten Einfluss für das Misslingen des Coachings wird aus Sicht der Coachingnehmer dem Coach zugesprochen. Coachingnehmer geben für das Misslingen von Coaching eher dem Coach die Schuld als sich selbst. Auf die gestellte Frage: „Wer ist entscheidender für den Coachingerfolg: Coach oder Coachingnehmer?“, antwortete sie: „Zu 70% der Coach und zu 30% der Coachingnehmer“.

Wir Coaches sollten uns dieser Asymmetrie bewusst sein, durch die wir in gewisser Weise unter Erfolgsdruck gesetzt werden.

Auf Seiten des Coachs sei hier noch einmal auf die Bedeutung von Supervision hingewiesen. Es sollte von Coachs überlegt werden, ob sie neben Supervision und Fortbildung gelegentlich auch quantitativ-evaluative Verfahren zur Selbstkontrolle ihrer Professionalität und damit als Instrument der Qualitätssicherung nutzen sollten. Evaluation von Coaching ist von der Qualitätssicherung nicht zu trennen.

Klaus Frohnert

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